Von:
Susanne Breit-Keßler

e-sophia.de

Sie sitzt zu seinen Füßen und spielt mit allem, wessen sie habhaft werden kann. Er hat eigentlich unentwegt zu tun, aber dennoch oder gerade deswegen jeden Tag seine Freude an dem, was und wie sie es tut. Von Sophia ist die Rede, der Weisheit, wie sie im Alten Testament liebevoll persönlich beschrieben wird. Sophia, die als Gottes Liebling von Urzeiten her existiert, ist die weibliche Begleiterin des großen Schöpfers, ein feminines Wesen, das untrennbar zu ihm gehört. Die Weisheit beherrscht souverän alle Lebensregeln und bewahrt demzufolge zumindest vor größeren Pleiten.

Ihr Name ist im Trend. Auf Standesämtern und am Taufbecken gehört Sophia zu den beliebtesten weiblichen Vornamen. Die Weisheit umfasst nach biblischen Denken Fertigkeiten aller Art, geschicktes Handhaben der Materie, Naturerkenntnis und Klugheit bis hin zur List. Erziehung zur Weisheit verbindet praktische mit intellektuellen Fähigkeiten, lehrt Einsicht in Beziehungen und soziales Verhalten.

Damit allein ist es allerdings nicht getan. Solche Weisheit kann in die Krise geraten – dann, wenn eben nicht alles Geschehen logisch aufeinander folgt, wenn die Kontingenz des Lebens wieder einmal gnadenlos zugeschlagen hat.

Nicht zufällig ist Jesus von manchen Zeitgenossen als Verkörperung einer weiter gefassten, umfassenderen Weisheit verstanden worden. Diese Weisheit ist eine dem Menschen zugewandte, die auch um notwendige Zeiten eigener Besinnung weiß. Es ist eine, die der Wahrheit verpflichtet ist, ohne ätzend-gemein zu werden. Eine Weisheit, die nicht folgerichtig straft und lohnt, sondern die allein aus Gnaden sich erbarmt für immer und ewig.

Wer weise ist, unterscheidet nach einem alten Sprichwort sorgfältig zwischen dem Mut, den es braucht, um Dinge zu verändern, die verändert werden müssen und der Gelassenheit, das hinzunehmen, was nicht zu ändern ist. Weisheit, die wir meinen, ist attraktiv - gerade weil sie Grenzen überwinden und irdische Gegebenheiten überschreiten kann. Sophia spielt seit Urzeiten zu den Füßen Gottes. Sie ist "seine Lust täglich", wie es die Sprüche Salomos sagen (Sprüche 8,30).

Weisheit schleppt sich nicht schwerblütig-depressiv, nicht vergrübelt vorwärts, sondern kommt leichtfüßig, tänzelnd daher. Sie verschwendet nicht geschwätzig Worte – Sophia parliert stattdessen profiliert-präzise. Weisheit ist kein Gegensatz zu Vernunft und Verstand, umfasst vielmehr beide, war vor ihnen da und wird sie überleben. Sie darf nicht als eremitische Sofahockerin verkleidet werden, die sich der Welt enthält – Weisheit trägt unangepasste zeitlose Eleganz und kann sich überall sehen lassen, auch wenn sie nicht überall gern gesehen wird.